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Ostafrikanische Umwälzanlagen

Kommentar zum 5000-m-Weltrekord

04.06.2004

Von Robert Hartmann

Die Welt außerhalb der ostafrikanischen Hochebenen schaut dem Treiben der dort aufgewachsenen Lauftalente nur noch ungläubig und staunend zu. Ein Europäer oder Amerikaner kann sich heute überhaupt nicht mehr dorthin denken, geschweige denn laufen, wo am Pfingstmontag der knapp 22 Jahre alte Äthiopier Kenenisa Bekele mit seinem 5000-m-Weltrekord ankam, nicht unerwartet übrigens, nämlich bei der Zeit von 12:37,35 Minuten. In den Zirkeln seiner jungen Generation diskutieren sie schon das nächste große Ziel, nämlich 12:30 Minuten. Jede 400-m-Runde wollen sie in 60 Sekunden zurücklegen.

In der Nostalgie-Ecke liegt unter vielen Spinnweben die Weltrekordzeit des Finnen Paavo Nurmi, der Jahrhundertgestalt. Im Jahr 1924 erzielte er 14:28,2 Minuten. Sein Rundendurchschnitt: 69,4 Sekunden. In einem virtuellen Rennen wäre er um über anderthalb Runden abgehängt worden. Es war ein gütiges Geschick, dass er und seinesgleichen wie die „tschechische Lokomotive“ Emil Zatopek noch nichts wussten von dem so lange verschollenen Menschheitserbe des ausdauernden Rennens. Erst mit der Unabhängigkeit der jungen Länder trat es allmählich und schließlich mit Macht hervor.

In Hengelo erlebte die olympische Saison ihre erste echte Bestandsaufnahme auf den Mittel- und Langstrecken. Vorneweg Äthiopier und Kenianer, die über 3000-m-Hindernis einen verrückten 18-Jährigen präsentierten, Kipruto Brimin, der nach seinen 8:05,52 Minuten ein ernsthafter Medaillenkandidat ist.

Ein Blick in die Ergebnislisten macht deutlich, wohin die Reise geht. Länder wie Ruanda, Eritrea, Uganda tauchen auf. Hinzu stoßen werden noch Läufer aus Tansania und Burundi, ja aus dem geschundenen Sudan. Sobald dort die kriegerischen Auseinandersetzungen beendet sind, schicken sie ihre hungrigen, willensstarken und im übrigen gut erzogenen Läufer in die Welt.

Die ostafrikanischen Umwälzanlagen arbeiten Tag und Nacht. Neue Namen werden schier aus dem Nichts herausgeschleudert, vertraute Namen verschwinden schnell. Zu bewundern sind dann die Stars, die länger in diesem System überleben. Einer heißt Haile Gebreselassie, der beliebteste Leichtathlet der Welt, Vorgänger von Bekele. Er unterlag in Hengelo dem ebenfalls erst 21 Jahre alten Sihine Sileshi über 10000 m.
Bald wird es heißen: Wachablösung. Dabei ist Gebreselassie erst 31. Jetzt denkt er an Flucht, er kann ja noch Marathon laufen.


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